Heinz-Otto Peitgen ist Unternehmer, eine internationale Koryphäe für angewandte Mathematik und Visualisierungssoftware – und ein bekannter Forscher der reinen Mathematik.
Sie haben Mathematik studiert und sich auf den Bereich Chaostheorie spezialisiert. Wie genau sieht Ihre Arbeit aus?
PEITGEN: Ich war jahrelang ein leidenschaftlicher Vertreter der reinen Mathematik. Dann näherte ich mich jedoch mehr und mehr der angewandten Mathematik, und die Chaostheorie sowie die fraktale Geometrie zogen mich in ihren Bann.
Fraktale Geometrie – was hat das mit Medizin zu tun?
PEITGEN: Die fraktale Geometrie ist die Geometrie der Natur. Einige der schönsten Beispiele findet man im menschlichen Körper: zum Beispiel in den Gefäßen eines Organs oder dem Bronchialbaum. In einem mathematischen Bezugssystem kann man solche Phänomene beschreiben, messen und Modelle dafür entwickeln. In den ersten 100 Jahren ging es in der Radiologie nur um Interpretation. Diese war subjektiv und abhängig vom jeweiligen Facharzt. Deshalb war es auch sehr schwierig, aus vorhandenen Kenntnissen zu lernen. Die heutige Digitalisierung der radiologischen Prozesse bildet den Ausgangspunkt für die Messung. Und so wie sich die Naturwissenschaften mithilfe von Messgrößen weiterentwickelt haben, wird sich auch die Medizin weiterentwickeln.
Können Sie ein Beispiel nennen?
PEITGEN: Nehmen wir einmal Brustkrebs. Als wir feststellten, dass die Mammographie einige Läsionen nicht sichtbar macht, wandten wir uns dem Ultraschall zu. Doch auch hiermit waren einige Krebsarten nicht nachweisbar. Wir glaubten, die Magnetresonanztomographie könne uns weiterhelfen. Doch wie lässt sich nachweisen, dass das, was man sieht, Krebs ist, wenn man es während der Biopsie nicht sieht? Also mussten wir zusätzlich ein MRT-kompatibles Biopsiegerät entwickeln.
Kann man komplexe mathematische Modelle nicht auch auf ganz andere dynamische Systeme anwenden, zum Beispiel Organisationen?
PEITGEN: Erkenntnisse aus der fraktalen Geometrie lassen sich auch auf die Organisation in Unternehmen oder im privaten Bereich übertragen. Man muss festlegen, inwieweit Aufgaben vorgeschrieben und reglementiert sind und wie viel Eigenverantwortung zugebilligt wird. Im Idealfall findet man einen goldenen Mittelweg. In aller Regel sind dies die kreativsten Gesellschaften. Das Gleiche gilt in gewissem Maß auch für Unternehmen. Zu viele Vorschriften frustrieren die Mitarbeiter, und sie kündigen.
Lässt sich Ihre Denkweise auch auf Krankenhausmanagement übertragen?
PEITGEN: Sicherlich. Es gibt kaum etwas Komplexeres als ein Krankenhaus. Man sollte meinen, dass die Verwaltungen mit Hochdruck nach Möglichkeiten suchen, um ihre Abläufe zu verbessern. Der Trend geht jedoch eher hin zu hierarchischen, normativen Strukturen, die sich auf kodifizierte Ansätze stützen, statt den beteiligten Personen größeren Entscheidungsspielraum zu lassen. Meiner Meinung nach ist die Medizin hier auf dem falschen Weg.