Wir haben eine relativ klare Vorstellung dessen, was als, krank’ gilt, und wir definieren die Grenzen dessen, was ’gesund’ ist. Aber was ist, ‚normal’? „Die individualisierte Medizin leidet am Fehlen eines Normalwertes“, sagt der Dekan der Medizinischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, der Pharmakologe Professor Dr. Heyo K. Kroemer. Wissenschaftler des Instituts für Community Medicine versuchen, auf diese Frage eine Antwort zu geben: Sie nehmen das Ganze in den Blick, um dem Einzelnen helfen zu können.
1995 begannen die Wissenschaftler, das Konzept der ,Study of Health in Pomerania’ (SHIP) zu entwickeln. In SHIP 0 sollten Basisdaten gewonnen werden, um nicht nur Zusammenhänge zwischen häufigen medizinischen und zahnmedizinischen Erkrankungen, sondern auch deren mögliche Ursachen zu erkennen. Von 1997 an bis 2001 ließen sich 4.310 Menschen im Universitätsklinikum ausführlich untersuchen. Jede Untersuchung nahm etwa sechs Stunden in Anspruch. Im Folgejahr bauten die Wissenschaftler SHIP 0 zur Folgestudie SHIP 1 aus. Von 2002 bis 2006 kehrten 3.300 Probanden an die Hochschule zurück, um sich in einer zweiten Welle untersuchen zu lassen. Der dritte Untersuchungsdurchgang (SHIP 2) begann im März 2008 und ist für drei Jahre geplant. Aus der ersten Kohorte leben noch 3.420 Probanden. Etwa 8.000 neue potenzielle Teilnehmer werden durch eine weitere repräsentative Stichprobenauswahl hinzugewonnen. Die Erhebung für SHIP 2 wird noch umfangreicher sein als die vorherigen Datensammlungen. Hinzu kommen unter anderem Überwachungen unter Schlaflaborbedingungen. Außerdem wird eine Ganzkörperuntersuchung in dem Magnetresonanztomographen (MRT) MAGNETOM Avanto 1.5 Tesla durchgeführt, den Siemens zur Verfügung stellt.
Weil die Wissenschaftler den Gesundheitsstatus derselben Menschen im Abstand von jeweils fünf Jahren nun schon zum dritten Mal erheben, stellen sie nicht nur fest, wie krank oder gesund die Bevölkerung tatsächlich ist. Sie erkennen auch, wie sich Risikofaktoren verdichten, wie sich eine Erkrankung über die Jahre herausbildet und welchen Verlauf sie unter welchen individuellen Umständen nimmt. Schließlich suchen die Wissenschaftler nach einem Algorithmus, um unter Millionen von Variablen des untersuchten Kollektivs genau jene wenigen Merkmale zu finden, welche die Vorhersage und Prävention einer drohenden Erkrankung im Einzelfall erlauben. Die Datenbasis wird ausgebaut und die gewonnenen Informationen mittels leistungsfähiger IT in medizinisch nutzbares Wissen umgewandelt. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu erhöhen und die Kosten zu senken.